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Armenien verdoppelt Exporte nach Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion

Wunsch nach Direktinvestitionen blieb dagegen unerfüllt / Von Uwe Strohbach

Eriwan (GTAI) – Armeniens Exporte in die Eurasische Wirtschaftsunion steigen deutlich. Investitionen der Partnerländer in die armenische Wirtschaft blieben aber aus. Doch eine Trendwende ist in Sicht.

Die Republik Armenien ist überwiegend zufrieden mit den bisher erzielten Ergebnissen ihrer Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU), die am 2. Mai 2015 begann. Das äußerten offizielle Vertreter der Regierung und Experten des Eriwaner Zentrums für Wirtschaftsforschung teilen diese Einschätzung. Armeniens Wirtschaft entwickelt sich positiv. Das Bruttoinlandsprodukt wächst im Schnitt real um über 4 Prozent. Die EAWU-Mitgliedschaft ermöglicht es Armenien, russisches Erdgas zu gesenkten Preisen zu beziehen.

Das kleine südkaukasische Land hatte sich jedoch nach seinem EAWU-Beitritt weit mehr Erfolge für seine wirtschaftliche Entwicklung erhofft. Es ist vor allem das schwache Interesse der Partnerländer an Investitionen in Armenien, das die Bilanz der Einbindung in die EAWU sichtlich trübt. Doch Besserung scheint in Sicht.

Armeniens Exporte in die EAWU-Partnerländer mehr als verdoppelt

Als größten Erfolg der Mitgliedschaft in der EAWU betrachtet die armenische Regierung, dass die Exporte in die anderen Mitgliedsländer steigen. Die Ausfuhren in die EAWU-Partnerländer haben sich 2018 gegenüber 2015 mehr als verdoppelt – von 257 Millionen US-Dollar (US$) auf 690 Millionen US$. Das Exportgeschäft profitiert vom Abbau vieler technischer Marktzugangsbarrieren, der Verbesserung der Zollabwicklung und der daraus resultierenden Senkung der Kosten für Warenlieferungen.

Der Exportzuwachs geht aber fast ausschließlich auf das Konto Russlands. Die armenischen Unternehmen profitieren von der wachsenden Nachfrage russischer Abnehmer nach Produkten wie Nahrungs- und Genussmitteln (Mineralwasser, Wein, Spirituosen, frisches und verarbeitetes Obst und Gemüse, Fischerzeugnisse, Zigaretten), Textilien, Bekleidung, technischen Ausrüstungen und Geräten (einschließlich Rüstungsgüter). Der Export von Textilien und Bekleidung nach Russland verdoppelte sich 2018 gegenüber dem Vorjahr auf fast 150 Millionen US$. Die Exportchancen in den Branchen Nahrungs- und Genussmittel sowie Textilien und Bekleidung führen zu zahlreichen Ausbauprojekten.

Land2015201620172018
Russland245 374 557 667
Belarus7 13 7 12
Kasachstan4 5 5 10
Kirgisistan1 1 2 1

Quelle: Nationaler Statistikdienst Armeniens

Hoffnungen auf mehr Direktinvestitionen bisher nicht erfüllt

Die Regierung und viele armenische Wirtschaftsforscher erwarteten nach dem Beitritt des Landes zur EAWU wachsende Investitionen der Partnerländer in Armenien. Sie rechneten mit Engagements in der Transport- und Energiewirtschaft, in der exportorientierten verarbeitenden Industrie, darunter in der Chemie-, Baustoff-, Pharma-, Textil-, Schuh- und Lebensmittelindustrie sowie in der IT-Branche.

Ein Blick auf die Investitionszahlen des Nationalen Statistikdienstes offenbart deutlich: Der Nettozufluss von Direktinvestitionen aus den EAWU-Partnerländern befindet sich auf einem historisch niedrigen Niveau. In den Jahren 2015 bis 2018 flossen insgesamt bescheidene 119 Millionen US$ und zudem ganz aus Russland. Bei den russischen Kapitalanlagen handelt es sich noch dazu überwiegend um Reinvestitionen in die Branchen Strom- und Gasversorgung sowie Bergbau.

Erste Signale für mehr Investitionen in Sicht

Doch die Chancen für eine Trendwende im Investitionsgeschehen stehen gut. Mehrere russische Firmen kündigten Projekte an. Das Investitions-, Handels- und Bauunternehmen Ecotechprom will sich gemeinsam mit der Business Armenia Foundation (Wirtschaftsfördergesellschaft Armeniens) beim Bau eines Industriekomplexes engagieren. Das mit der Regierung Armeniens unterzeichnete Memorandum sieht Investitionen von 285 bis 340 Millionen US$ vor. Geplant ist, Anlagen für die Produktion von Glas, technischem Salz und Speisesalz zu errichten. Die Inbetriebnahme ist für 2022 vorgesehen. Der Bushersteller Russkiye Avtobusy – GAZ Group beabsichtigt, sich an der geplanten umfassenden Reform im Transportsystem der Hauptstadt Eriwan zu beteiligen.

Auch in die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Armenien und Kasachstan scheint Bewegung zu kommen. Kasachische, armenische und russische Unternehmen loten zurzeit gemeinsam mit nationalen Transportbehörden und -unternehmen die Chancen für die Schaffung kostengünstiger Transportkorridore via Georgien und Iran aus (Nord-Süd-Korridor der neuen Seidenstraße). In einer fortgeschrittenen Prüfung befindet sich ein kasachisch-armenisch-ukrainisches Projekt zur Errichtung eines Maschinenbauunternehmens in Alaverdi. Es soll Müllfahrzeuge produzieren. In den kasachischen Städten Almaty und Nur-Sultan (Astana) sollen Fachgeschäfte und Showrooms für Schmuck unter der Bezeichnung „Juwelierhaus – Armenien“ eröffnet werden.

Eurasische Entwicklungsbank engagiert sich in Armenien

In letzter Zeit verstärkt die Eurasische Entwicklungsbank (EABR, https://eabr.org/en/) ihre Aktivitäten in Armenien. Im Jahr 2018 erhielten die armenischen Geschäftsbanken Ameriabank und Araratbank 36 Millionen US$ zur Kofinanzierung der Projekte von kleinen und mittleren Unternehmen sowie Gewerbetreibenden. Im Frühjahr 2019 bewilligte die EABR rund 20 Millionen US$ für die Modernisierung der Stromverteilung in Armenien. Dieser Betrag soll später aufgestockt werden. Im Herbst 2018 kündigte die Entwicklungsbank an, das langfristige Investitionsprogramm des Mobilfunkbetreibers Ucom mit bis zu 100 Millionen US$ zu begleiten. Ferner erwägt sie die Kofinanzierung des geplanten armenisch-russischen Hightech-Fonds zur Förderung von Technologieprojekten.

Zuvor hatte Armenien 2014 Investitionsdarlehen vom Eurasischen Fonds für Stabilisierung und Entwicklung (EFSD, https://efsd.eabr.org/en/) erhalten: 150 Millionen US$ für den Bau des vierten (südlichen) Abschnitts des Nord-Süd-Straßenkorridors von der Stadt Kajaran bis zur iranischen Grenze und 40 Millionen US-Dollar für die Modernisierung und den Kapazitätsausbau der Bewässerungssysteme. Im Oktober 2015 genehmigte der EFSD-Rat Armenien einen Budgethilfekredit von 300 Mio. US$. Das Geld wurde ausgegeben, um die Effektivität der Staatsausgaben zu verbessern, das Geschäftsumfeld im Land zu verbessern und den Einfluss des US-Dollars auf den Bankensektor zu reduzieren. Der Eurasische Fonds für Stabilisierung und Entwicklung ist eine internationale Finanzinstitution, die von Armenien, Belarus, Kasachstan, Kirgisistan, Russland und Tadschikistan gegründet wurde.

Für mehr Investitionen in Armenien aus den anderen EAWU-Staaten und aus dem fernen Ausland sprechen die zuletzt verbesserten Rahmenbedingungen für Unternehmen im Land. Die seit Mai 2018 amtierende Regierung unter Leitung des früheren Oppositionsführers Nikol Paschinjan hat innerhalb kurzer Zeit sichtliche Erfolge beim Abbau der in einigen Branchen bislang herrschenden Monopolstrukturen, bei der Korruptionsbekämpfung und bei der Eindämmung der – allerdings immer noch hohen – Schattenwirtschaft erzielt.

Quelle: Germany Trade & Invest