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Eurasische Wirtschaftsunion will Innovationen in der Industrie fördern

Moderne Industrie- und Innovationszentren, eurasische Technologieplattformen und digitale Fabriken geplant / Von Edda Wolf

Der technologische Wandel stellt die Eurasische Wirtschaftsunion vor große Herausforderungen. Die Mitgliedstaaten sind für das schnelle Aufkommen neuer Technologien nicht ausreichend gerüstet. Schlüsselindustrien weisen vielfach einen mehrjährigen technologischen Rückstand zur Weltspitze auf. Doch das soll sich ändern. Die Eurasische Wirtschaftskommission hat sich vorgenommen, die Innovation in der Industrie zu stimulieren und die länderübergreifende industrielle Kooperation zu fördern.

Ziel ist die Modernisierung der Industrie der EAWU-Länder mittels Innovation. Führende nationale und internationale Errungenschaften des wissenschaftlich-technischen Fortschritts sollen gebündelt und in der Praxis angewendet werden, um Hochtechnologie-Produktionen in der Industrie oder ganz neue Hochtechnologie-Branchen zu schaffen.

Um die Entwicklung innovativer, marktfähiger Technologien und High-Tech-Erzeugnisse anzukurbeln, plant die Eurasische Wirtschaftskommission:

– moderne Industrie- und Innovationsinfrastruktur,

– eurasische Technologieplattformen,

– digitale Fabriken,

– ein eurasisches Zentrum für Werkzeugmaschinenbau,

– umweltgerechte Technologien (wie Elektromobile).

Moderne Industrie- und Innovationsinfrastruktur

Eine moderne Industrie- und Innovationsinfrastruktur umfasst – den Empfehlungen der Eurasischen Wirtschaftskommission zufolge – Industrie- und Innovationscluster, Industrie- und Technoparks, Wissenschafts- und Technikzentren, Innovationszentren und andere. In den EAWU-Ländern gibt es bereits über 200 Industrieparks, über 200 Technoparks, über 200 Businessinkubatoren, über 50 Innovations- und Industriecluster, etwa 20 Wissenschaftsstädtchen, über 200 Engineering-Zentren sowie über 4.000 Institutionen im Bereich Forschung und Entwicklung. Geplant sind ein stärkerer Austausch über Best-Practice-Beispiele und ein System zur freiwilligen Zertifizierung von Objekten der Industrie- und Innovationsinfrastruktur. Auf diese Weise sollen die Risiken für Investoren gesenkt und damit deren Interesse gefördert werden.

Eurasische Technologieplattformen

Die Eurasische Wirtschaftskommission setzt zudem auf eurasische Technologieplattformen, um die „Produkte der Zukunft“ zu entwickeln. Ihr Plan sieht vor, die intellektuellen und materiellen Ressourcen der EAWU auf die vorrangigen technologischen Trends zu konzentrieren, um wichtige Schlüsselbranchen voran zu bringen. Wissenschaftler und Konstrukteure aus allen EAWU-Ländern sollen zusammen an der Lösung konkreter Innovationsaufgaben für einzelne Industriezweige arbeiten. Die Ergebnisse der Forschungs- und Entwicklungstätigkeit sollen anschließend in die Produktion eingeführt werden.

Vorgesehen ist, neben wissenschaftlichen Institutionen (Forschungsinstitute, Universitäten, andere Bildungseinrichtungen) auch Unternehmensverbände, staatliche Unternehmensholdings, Regierungseinrichtungen (spezialisierte staatliche Behörden, Entwicklungsbanken) und gesellschaftliche Organisationen (Fachvereinigungen) einzubeziehen. So wurde an der Moskauer Staatlichen Universität ein Eurasisches Zentrum für Hochtechnologien gegründet.

Im Oktober 2016 hat die Eurasische Wirtschaftskommission elf eurasische Technologieplattformen in acht prioritären Technologiebereichen identifiziert. Für 2017 ist geplant, weitere acht eurasische Technologieplattformen zu schaffen. Diese werden die Kooperation von 400 führenden nationalen Forschungseinrichtungen und Industrieorganisationen bei 140 Projekten ermöglichen.

Eurasische Technologieplattformen

NummerBezeichnung
1.Medizintechnik, Life-Science, Pharmazie
2.Informations- und Kommunikationstechnologien
3.Photonik
4.Weltraumtechnologien
5.Kernenergie, Strahlentechnik
6.Energieerzeugung
7.Verkehrstechnik
8.Verhüttungs- und Weiterverarbeitungstechnik
9.Bergbautechnik
10.Chemie, Petrochemie
11.Elektrotechnik, Maschinenbau
12.Umwelttechnologien
13.Bauindustrie
14.Landwirtschaft, Biotechnologien, Leichtindustrie

Quelle: Entwurf der Verordnung des Rates der Eurasischen Wirtschaftskommission „Über die Bildung der Prioritäten der eurasischen Technologieplattformen“

Digitale Fabriken

Die Eurasische Wirtschaftskommission schlägt ebenso die Schaffung „digitaler Fabriken“ in den EAWU-Ländern vor – analog zum Trend zu Industrie 4.0 (Deutschland) und digitaler Produktion (USA). Dabei strebt die Kommission an, dass die EAWU-Länder ihre nationalen Digitalisierungsstrategien miteinander synchronisieren, um digitale Technologieplattformen, System- und Querschnittsprojekte zu realisieren. Zu den Schlüsseltechnologien gehören: additive Technologien (3D-Printing), automatisierte Produktionslinien zur schnellen Fertigung von Elektronikkomponenten, Technologien und Software zur Automatisierung der Industrieproduktion und zum Einsatz von Robotern, nationale CAD/CAE/CAM-Systeme, neue Montagetechnologien, Systeme zum Management des Lebenszyklus von Industrieerzeugnissen.

„Nach unseren Angaben beträgt der Anteil der Digitalwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt in den EAWU-Ländern schon über 2,8% oder 85 Mrd. US$“, sagte Sergej Sidorskij, Minister für Industrie und Landwirtschaft der Eurasischen Wirtschaftskommission. „Fast der ganze Effekt der Digitalisierung konzentriert sich auf Branchen wie Finanzen, Handel, Unterhaltung und Medien. In den Bereichen Industrie und Landwirtschaft ist der Anteil der Digitalwirtschaft noch unbedeutend“. Das soll sich künftig ändern.

Eurasisches Zentrum für Werkzeugmaschinenbau

Der Schlüssel zur Ausrüstung und Modernisierung anderer wichtiger Branchen ist ein moderner Werkzeugmaschinenbau. Deshalb plant die EAWU ein Eurasisches Zentrum für Werkzeugmaschinenbau einzurichten. Das Engineering-Zentrum soll als integriertes „Gehirn“ für die technologische Entwicklung des Werkzeugmaschinenbaus fungieren. Treibende Länder sind Russland und Belarus. Künftig soll sich der Maschinenbau der EAWU-Länder selbst mit Werkzeugmaschinen und neuen Technologien versorgen können, statt auf Importe aus Japan, Deutschland und den USA angewiesen zu sein.

Umweltgerechte Technologien wie Elektromobile

Die EAWU setzt auch auf moderne, umweltgerechte Technologien. Der Weltmarkt für Umwelttechnologien und -dienstleistungen ist einer der am dynamischsten wachsenden mit einem geschätzten Marktvolumen von 500 Mrd. US$ und einem jährlichen Zuwachs von 5%. Die eurasische Plattform „Technologien für die ökologische Entwicklung“ soll ermöglichen, diesen Markt für Unternehmen aus der EAWU zu erschließen.

Eine der Prioritäten ist die Produktion von umweltgerechten Transportmitteln (z.B. Elektrobusse, gasgetriebene Fahrzeuge). Im Jahr 2016 wurde ein Aktionsplan für Anreize zur Produktion und Nutzung von Elektrofahrzeugen in der EAWU beschlossen. Dieser sieht vor, ein Testlabor zur Genehmigung der entwickelten Pilotmodelle von Kraftfahrzeugen mit Elektroantrieb einzurichten, die Antragstellung für die Genehmigungsdokumentation beim Bau der Lade- und Service-Infrastruktur für Elektromobile zu vereinfachen und die Marktteilnehmer über das Thema Elektromobilität besser zu informieren, vor allem über die Vorteile der Nutzung von Elektrofahrzeugen.

Der Kampf mit den immer größer werdenden Abfallbergen steht ebenfalls auf der Agenda der EAWU. Es ist ein Pilotprojekt zum Bau von fünf Müllverbrennungsanlagen geplant. Außerdem soll die Luftverschmutzung verringert und das Klima geschützt werden. Ziel des ersten Kooperationsprojektes der EAWU ist es, technologische Lösungen zur Bekämpfung der Prozesse der Verwüstung und Degradierung der Böden in ariden Zonen zu entwickeln. Durch Labor- und Experimentalforschung wird eine Methode zur Verbesserung der physikalisch-chemischen und biologischen Charakteristika von Böden und Pflanzen gesucht, besonders in Kasachstan und Russland. Die Experten sehen Potenzial zur Vermarktung der entwickelten Technologie nicht nur in der EAWU, sondern auch in Drittstaaten.

Der Ansatz der Eurasischen Wirtschaftskommission, mehr Innovation in der Industrie zu stimulieren, ist der richtige Weg zur Modernisierung der Industrie der EAWU-Länder. Die EAWU kann gute Rahmenbedingungen schaffen, aber die Innovation selbst kann nur von engagierten Mitarbeitern auf der Arbeitsebene kommen. Dieses innovative Klima zu schaffen – das ist noch ein weiter Weg in Ländern wie Russland, Belarus und Kasachstan, die von staatlichem Dirigismus geprägt sind.

(E.W.)