Hauptseite Wirtschaft Wirtschaftspolitik Die Eurasische Wirtschaftsunion – ein aktiver Player in der Weltwirtschaft

Die Eurasische Wirtschaftsunion – ein aktiver Player in der Weltwirtschaft

Bonn (GTAI) – Obwohl die EAWU erst am 1. Januar 2015 ihre Arbeit aufgenommen hat, ist sie bereits ein aktiver Player in der Weltwirtschaft.

Die fünf Mitgliedsländer haben einen gemeinsamen Zollkodex verabschiedet, der am 1. Januar 2018 in Kraft getreten ist. Sie haben 48 technische Reglements definiert und sich auf gemeinsame Märkte verständigt – für Arzneimittel und Medizinprodukte, Strom, Gas, Öl- und Ölprodukte, Finanzen und Transportdienstleistungen.

Deutschland war 2018 mit einem Anteil von 11,2 Prozent das zweitwichtigste Lieferland der EAWU und hat Waren im Gesamtwert von etwa 29 Milliarden Euro exportiert. Deutsche Produkte sind gefragt. Großer Bedarf besteht bei Maschinen und Ausrüstungen, weil die EAWU-Länder ihre Industrieproduktion modernisieren müssen, um international wettbewerbsfähiger zu werden. Aber Importsubstitution und Lokalisierungsanforderungen nehmen zu.

Wladimir Gerassimow, Koordinator des Dialogs für technische Regulierung zwischen der EU und der EAWU spricht über Chancen, Herausforderungen und die Wirtschaftspolitik der EAWU.

Herr Gerassimow, welchen Stellenwert hat die EAWU für die deutsche Wirtschaft?
Deutschland gehört zu den wichtigsten Handelspartnern der EAWU und nimmt den dritten Platz beim Export und den zweiten Platz beim Import ein. Über 70 Prozent der deutschen Ausfuhren entfallen auf Maschinen, Anlagen und Medizinprodukte. 2019 gehörte Deutschland zu den zehn größten Investoren in Russland und Belarus ( jeweils Platz acht und sechs). Inzwischen sind knapp 5.500 Unternehmen in den EAWU-Ländern tätig.

Welche eurasischen Märkte sind aus Ihrer Sicht besonders interessant?
Einzelne EAWU-Länder verfügen über viele Rohstoffe, insbesondere Russland und Kasachstan, die bedeutende Öl- und Erdgaslieferanten Deutschlands und der EU sind. Durch ein Netz aus verschiedenen Transportkorridoren mit direktem Zugang zu Mittel- und Fernost kann die EAWU künftig zu einem wichtigen Bindeglied zwischen der EU und China werden, wie dies auch im chinesischen Konzept der neuen Seidenstraße angedacht ist.

Welche Chancen bietet die Wirtschaftspolitik der EAWU deutschen Firmen?
Obwohl Lokalisierungsanforderungen in den einzelnen EAWU-Ländern zunehmen, können vor Ort produzierende Unternehmen und Joint Ventures dennoch mit staatlicher Unterstützung beim Export und in einigen Fällen mit Steuererleichterungen rechnen. Zudem schließt die EAWU Freihandelsabkommen. Somit haben lokalisierte Unternehmen die Möglichkeit, ihre Produkte auf weiteren Märkten abzusetzen.

Worin sehen Sie Risiken und Herausforderungen für deutsche Unternehmen?
Eine Reihe von grundsätzlichen Fragen bleibt nach wie vor ungelöst, was gewisse Risiken für deutsche Unternehmen bei ihren Investitionen in den EAWU-Staaten birgt.

Vor dem Hintergrund der bestehenden EU- und US-Sanktionen und des stagnierenden Realeinkommens in den Volkswirtschaften der EAWU ist zunächst die niedrigere Kaufkraft der Bevölkerung zu nennen. Ungleiche Wirtschaftsentwicklung (85% des EAWU-Marktes entfallen auf Russland) und ein vergleichsweise niedriger Wohlstand stellen ein Problem dar. Momentan kann die EAWU nicht zu den bedeutendsten Absatzmärkten für die meist hochwertigen deutschen Produkte gezählt werden.

Außerdem werden ausländische Investitionen und der Import in die EAWU durch Unklarheiten bei der Abstimmung und einer Anwendung von internationalen und harmonisierten europäischen Normen in die technischen Reglements der EAWU erschwert.

Wie bewerten Sie den Dialog zwischen der EU und der EAWU?
Vor dem Hintergrund der Aktivitäten Chinas im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative sollte ein tieferer wirtschaftspolitischer Dialog zwischen der EU und der EAWU von gemeinsamem Interesse sein. Ein gemeinsamer Wirtschaftsraum könnte Europa und Eurasien im globalen Wettbewerb mit Nordamerika und Asien stärken.

In welchen Bereichen sehen sie Kooperationsmöglichkeiten?
Eine konkrete Möglichkeit der Zusammenarbeit sehe ich zumindest auf technischer Arbeitsebene im Versuch Handelshemmnisse im Bereich der technischen Regulierung zu beseitigen. Dies würde allen Beteiligten helfen, für Unternehmen Kosten reduzieren und die wirtschaftliche Zusammenarbeit und das Wirtschaftswachstum in der Region fördern. Ein Expertendialog zur technischen Regulierung thematisiert Grundsatzfragen und identifiziert Felder, in denen eine konkrete Zusammenarbeit bei der Normung und Standardisierung, Akkreditierung oder Konformitätsbewertung möglich erscheint.

Zu diesem Thema hat die AHK Russland eine aktuelle Umfrage erarbeitet und ruft deutsche Firmen auf, sich daran zu beteiligen. Den Link finden Sie hier.

Wladimir Gerassimow (Projektkoordinator, Expertendialog zur technischen Regulierung mit der EAWU bei der AHK Russland mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie; AHK-Abteilung Regierungskontakte, Kontaktstelle EAWU)
*Der Inhalt gibt Meinung und Sichtweisen des Interviewten wieder.

Vielen Dank für Das Gespräch.

Interview: Dominik Vorhölter, Germany Trade & Invest